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Santa Cruz, 18.06.06
Trotz des "bolivianischen Winters" scheint schon seit dem Morgen die Sonne und es sieht so aus, als ob wir einen schönen Sonntag haben werden. Jetzt im Winter haben wir einen sogenannten "Sur" - das ist ein kalter Wind aus dem Süden, der auch fast immer einen Temperatursturz bedeutet. Die Bewohner unserer Region sind aber an sehr hohe Temperaturen gewöhnt und so frieren sie, wenn die Temperaturen unter 15°C fallen, deswegen sind z. Zt. viele Menschen erkältet, verschnupft u.s.w. Aber auch das Bild in der Natur verändert sich. Durch die herrschende Trockenheit verlieren viele Bäume ihre Blätter, viele Pflanzen vertrocknen, aber die tropischen Wälder halten für uns immer noch was Grünes oder Blühendes bereit. Ganz anders sieht es dann in den Anden aus. Dort ist alles ausgedörrt, die Erde ist sehr staubig und nachts wird es dort bitter kalt. Ich finde jedoch, dass die Unterschiede in den Landschaften Boliviens das Land so spannend machen.
Die letzten Wochen waren bei uns sehr ereignisreich. Bei einigen war ich leibhaftig dabei, einige habe ich nur aus der Entfernung beobachtet.
Ganz spannend war für mich eine Reise nach Tarija. Das ist eine Region Bolivien, die an Argentinien grenzt und Chaco genannt wird. In meiner Jugend habe ich, wie viele andere, gerne Abenteuerbücher gelesen. In den Träumen und Fantasien zu reisen war damals für mich ein Ersatz für das richtige Reisen. So kann ich mich an ein Buch vom Szklarski: "Tomek in Gran Chaco" bis heute erinnern. Damals hatte ich nie daran geglaubt, dass ich selber mal dort sein werde. Zwar habe ich nur die Hauptstadt der Region besucht, aber es ist schon was - und vielleicht kann ich irgendwann dort mehrere Tage verbringen. Für meine Reise dorthin gab es zwei Anlässe. Zu einem hatten wir dort diesjähriges Treffen der Franziskaner-Brüder und zum Anderem wurde das 400-järige Jubiläum des Franziskaner Ordens in der Region gefeiert. Da der Landweg dorthin sehr gefährlich und langwierig (ca. 2 Tage) ist, sind wir gemeinsam mit Bischof Antonio geflogen. Der Flug dorthin geht über Cochabamba und La Paz, so dass wir praktisch einen Rundflug über Bolivien gemacht haben.
Tarija hat ca. 100 000 Bewohner, dies merkt man aber gar nicht. Sie macht einen beschaulichen Eindruck. Sie liegt auf 1400 m NN und hat eine sehr mildes angenehmes Klima. Dementsprechend ist auch die Vegetation dort sehr üppig. Vor allem die Rosenbeete auf den Plätzen haben mich sehr beeindruckt. Im ganzen ist es eine schöne, saubere und gepflegte Stadt die von nicht zu hohen Bergen umgeben ist. Ein wenig habe ich mich wie im Mittelgebirge in Europa gefühlt. In dieser Region wird der bester Wein Boliviens produziert. Um die Stadt herum findet man viele Weinanbaugebiete, wo die Bodenbeschaffenheit und das Klima den Wein veredeln. Ein köstlicher Tropfen, der auch bei der Fiesta nicht gefehlt hat.
Unser Kloster liegt im Zentrum der Stadt und wurde vom italienischen Zweig des Ordens gestiftet und vor kurzem liebevoll restauriert, und wird bis heute vorwiegend mit Italienern besetzt. Diese haben uns sehr freundlich aufgenommen und bewirtet.
Bei unserem Brüder-Treff waren wir diesmal nicht viele, aber es war sehr interessant. Danach Fiesta. Die ganze Stadt hat gefeiert und so die tiefe Bindung mit den Franziskanern zum Ausdruck gebracht.
Die Feierlichkeiten haben am Vorabend mit einem Festakt in der Präfektur der Stadt angefangen. Außer den Vertretern der Regionalpolitik und der Kirche und den vielen Franziskanern aus ganz Bolivien war der deutsche Botschafter anwesend. Danach gab es eine Umzug durch die Stadt, der von vielen Gruppen vorbereitet worden ist. Mit Musik, Tanz und einem Feuerwerk hat die Stadt sich bei den Franziskaner für die jahrhundertlange Zusammenarbeit bedankt. Zum Abschluss des Tages gab es im Kloster einen gemütlichen Abend - sogar der Präfekt selbst hat mit Gitarre und Gesang uns eine exzellente Kostprobe der Chaco-Musik gegeben. Am nächsten Morgen das Hochamt unter der Leitung des örtlichen Bischofs und mit Beteiligung viele eingeladener Gäste und unzähligen Stadtbewohnern. Danach ging die Fiesta natürlich weiter.
In Tarija arbeiten auch polnische Ordensschwestern. Vor kurzem haben sie hier ein Kinderheim aufgebaut, welches ich mir auch angeschaut habe. Es viel mir auf, dass alle Kinder die mir begegnet sind, Freude und Zufriedenheit ausstrahlten und mir mit Stolz ihr neues Zuhause zeigten. Da der Orden auch in unserem Vikariat arbeitet, kennen wir einige Schwestern sehr gut. So haben wir sie nicht nur einmal besucht. Gemeinsam mit Bischof Antonio wurden wir zu einem heimatlichen Mittagessen eingeladen. Schwester Edigna und Schwester Bejzyma haben sich auch um meine Freizeit gekümmert, so dass ich in den vier Tagen keine Langeweile hatte und viel von der Stadt gesehen habe.
Der 13. Juni war dagegen ein großer Tag in unserer Gemeinde St. Antonius in Santa Cruz gewesen. Wir haben das 50-jährige Bestehen der Gemeinde gefeiert. Zwar ist die Gemeinde in zwischen, territorial gesehen, verkleinert worden, aber sie zählt immer noch über 100 000 Mitglieder. In allen 16 Kirchen und Kapellen haben sich die Gemeindemitglieder intensiv auf diesen Tag vorbereitet. Während der Novene fanden in der St. Antoniuskapelle Gottesdienste und Antoniusandachten, die jedes Mal von einer anderen Gemeinschaft vorbereitet wurden, statt. Am Vigil haben wir, in dem Kolosseum unseres St. Antonio-Collegio, die so genannte Serenata gefeiert. Das heißt, es wurde zu Ehren des "Geburtstagskindes" getanzt und gesungen. Bei solchen Gelegenheiten fällt es besonders auf, wie jung Bolivien und die bolivianische Kirche ist. So feierte unsere Jugend bis spät in die Nacht. Am Abend des St. Antoniofestes haben Kardinal Julio Terrazas, zwei Bischöfe aus Santa Cruz unser Bischof Antonio, Pater Rudolfo (Gründer der Gemeinde), in dem schon erwähntem Kolosseum, die Messe gelesen. Bis jetzt ist unser Pater Rudolfo - trotz seiner 85 Jahre, ein aktive Mitglied der Gemeinschaft und ist bei allen sehr beliebt. Die versammelte Gemeinde hat Ihn und seine Arbeit mit einem nicht endendem Applaus gewürdigt. Nach dem offiziellem Teil haben wir uns zu einem ausgiebigem Abendessen in dem Speisesaal des Konvents versammelt.
Es war ein sehr schönes und gelungenes Fest, trotzdem waren wir alle recht froh, dass es vorbei war, weil wir parallel zu den Vorbereitungen unsere alltäglichen Pflichten erfüllen mussten. Dazu kommt, dass die personelle Situation im Vikariat und in unsere Gemeinde schon unter "normalen" Umständen nicht einfach ist - jetzt in der Urlaubszeit aber noch angespannter als sonst ist.
Die Atempause die wir hatten, war jedoch nicht von langer Dauer. Schon zwei Tage später war Fronleichnam. Das vom Kardinal Terraza zelebrierte Gottesdienst findet schon traditionsgemäß auf dem größten Stadion der Stadt statt. Trotz der über 40.000 Plätze müssen viele draußen bleiben. Schon in frühen Nachmittagsstunden versammeln sich die Menschen im Stadion. Die Zeit vor dem Gottesdienst ist mit Darbietungen unterschiedlicher Jugendgruppen ausgefüllt. Nach dem Gottesdienst geht dann eine riesige Prozession vom Stadion bis zum Platz vor der Kathedrale. Wo der Abschlusssegen erteilt wird. Zwar dauern die Messe und die Prozession über drei Stunden, aber viele junge Menschen bleiben dann noch auf dem Platz um gemeinsam zu singen , tanzen und musizieren.
Im Vikariat hat jede Gemeinde seine eigene Traditionen und Rituale die mit dem Fronleichnamfest zusammenhängen.
Über die Situation der Hochwasseropfer kann ich leider immer noch nichts Neues sagen. Hunderte Familien leben nach wie vor in Zeltlagern und sind auf Hilfe angewiesen. Der Rio Grande, der seinen Lauf verändert hat und jetzt in der Nähe von El Fortin fließt, stellt nach wie vor eine große Bedrohung da. Die Regierung ist zur Zeit mit dem Verfassungsreferendum beschäftigt und hat bis jetzt noch nicht entschieden, ob und was am Fluss gemacht wird. Es sind ja auch nicht das Volk des Präsidenten betroffen.
Politisch gesehen lässt sich der Einfluss Kubas und Venezuelas immer mehr spüren und Chavez (Präsident Venezuela) mischt stark in die innenpolitische Angelegenheiten Boliviens ein. Immer mehr Firmen werden verstaatlich, privater Grundbesitz wird eingenommen, was natürlich zu Unruhen führt. Der Weg von der Demokratie zum Sozialismus ist sichtbar - nur was uns das bringen wird, ist schwer einzuschätzen.
Zum Schluss möchte ich noch dem Pastor meine Heimatgemeinde St. Andreas in Zabrze, Prälat Gerard Kowolik, zu seinem 50. Jährigen Priesterjubiläum gratulieren. Seine Verdienste in der Gemeinde sind schwer in Worte zu fassen, also sage ich ganz schlicht aber vom Herzen - Herzlichen Glückwunsch!
Ich glaube, dass reicht für heute. Wünsche euch eine angenehme Lektüre an dem heutigen Sonntag. Grüße euch Alle ganz herzlich und bitte und weitere Unterstützung in jeder Form.
Tarcisio OFM
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