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Santa Cruz, 22. Januar 2006
Ein sehr wechselhaftes Wetter begleitet uns an dem heutigen Sonntag hier in Santa Cruz. Mal scheint die Sonne, dann regnet es wieder. Die ganze Zeit ist es aber sehr warm und die Luftfeuchtigkeit, die man förmlich anfassen kann, ist sehr hoch. Von Januar bis März haben wir in ganz Bolivien sehr oft Regen. Wir sind mitten in der Regenzeit. Mit Angst beobachten wir in dieser Zeit die Flüsse in Bolivien und hoffen, dass sie nicht allzu stark anschwellen. Wenn diese über die Ufer treten, ist es immer ungewiss, welche Wege sie dann wählen. Oft gab es hier Überschwemmungen, die alles wegschwemmten, was sich auf ihrem Weg befand. Erst im letzten Jahr haben wir im Vikariat eine große Katastrophe erlebt, über die ich berichtet habe. Der Rio Grande gehört zu den gefährlicheren Flüssen im Land. Schon viele Menschen haben in ihm ihr Leben verloren. Einige Dörfer und Felder sind mit Wasser und Schlammmassen bedeckt worden. Er ändert oft seinen Lauf und dort, wo noch vor einigen Jahren Häuser, Schulen und Kirchen standen, fließen heute Wassermassen vorrüber. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze.
Der heutige Tag wird mit Sicherheit in Bolivien in die Geschichte des Landes eingehen. Der Grund - ein neuer Präsident wird vereidigt. Nicht das das Ereignis als solches besonders wäre (in den letzten 3Jahren ist das schon der vierte Präsident), sondern die Person die zum Präsidenten gewählt worden ist erregt in der ganzen Welt Aufsehen. Es ist Evo Morales, ein Aymara-Indianer. Er ist ein ehemaliger Cocabauer und ein Anführer vieler Revolten im Land. Da er eine charismatische Persönlichkeit ist, ist er in der Lage Massen zu mobilisieren. Schon oft wurden unter seiner Führung Straßen wochenlang blockiert, was nicht gerade förderlich für die schon sowieso schlechte wirtschaftliche Lage des Landes ist. Ich habe selbst gesehen wie er die Massen zur Gewalt gegen die "westlichen Kapitalisten" angestiftet hat. Dann fliegen Steine, es brennt und es wird alles was sich auf dem Weg befindet zerstört. Seine sozialistische Partei propagiert die Gleichberechtigung und das nationale Selbstbewusstsein, jedoch lautet die Frage ob sich das alles so realisieren lässt. Bis jetzt ist es noch keinem gelungen, die Ideen des Sozialismus umzusetzen. Die Beispiele, denen er folgen will sind Kuba und Venezuela, aber ob dass der richtiger Weg ist, werden wir bald sehen. Bis jetzt wird er von der Andenbevölkerung mit Blumen begrüßt, hoffentlich werden sie nicht bald wieder Steine werfen.
Schon gestern fand in Tiwanaku, einer Inka-Ruine, eine religiöse Zeremonie statt. Morales, in einer Aymara -Tracht, hat sich daran beteiligt. Auch am heutigen Tage sind Feste in La Paz geplant. Mit Sicherheit eine Abwechslung für das Folk, aber die Realität wird sie schnell wieder einholen.
Abgesehen von der Politik tut sich auch bei uns im Konvent und dem Vikariat einiges. Die vom Kapitel geplanten Veränderungen sind schon fast vollständig realisiert worden. Und so haben viele unserer Brüder neue Aufgaben übernommen. Anfang jeden Jahres hat man schon per se viel zu tun, und in der Prokura "quälen" wir uns auch mit vielen neuen Computerprogrammen. Aber so geht es Schritt für Schritt vorwärts. Meine neue Aufgaben nehmen mich ja auch in Anspruch, also sorry, wenn ich mich in der letzten Zeit weniger gemeldet habe. Ich werde versuchen, so bald wie möglich alles nachzuholen.
Bischof Antoni ist immer noch unterwegs. Bis morgen ist er in Tarija, dann stehen La Paz und Cochabamba auf dem Programm. Dort treffe ich ihn am Mittwoch Abend, wo wir in unserer Provinzzentrale mit den Ordensvorgesetzten einige Angelegenheiten regeln müssen.
Viele unserer Mitbrüder sind auch unterwegs. Schon traditionell werden im Januar einige Exerzitien für alle polnischen Schwestern und Brüdern (es sind es z.Zt. ca. 180 Personen) organisiert.
Da ich für dieses Jahr einen Urlaub in Europa plane, möchte ich in einem unserer Häuser an einem Exerzitien-Kurs teilnehmen.
Obwohl die Feiertage schon längst vorbei sind, bekommen wir immer noch Päckchen, Pakete und Briefe aus Europa. Unsere Post gehört leider nicht zu den schnellsten. Da sich in den letzten Tagen eine stattlich Menge an Post angesammelt hat, habe ich mich am Freitag spontan entschlossen, diese an die Adressaten auszuteilen. Ich habe also mein Auto gepackt und bin losgefahren. Die Empfänger haben sich riesig gefreut. Vor allem zwei große Pakete aus Grafraht haben viel Freude bereitet. Einige Kinder aus Grafraht haben viele kleine Päckchen für Kinder in Bolivien gepackt. Da Weihnachten vorbei ist, werden diese zum Anfang des Schuljahres in Guarayos verteilt. Diese Gemeinde hat schon einige Aktionen zu Gunsten Bolivien durchgeführt. Daher trifft uns die Nachricht, dass die Franziskaner schon bald das Kloster und die Gemeinde in Grafraht verlassen, sehr.
Für die frostigen Tage in Europa wünsche ich Euch Allen viel Wärme und für uns würde ich mir etwas Abkühlung wünschen.
Br. Tarcisio OFM
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